wie wir abstand, nähe und empathie kalibrieren
zwei wahrnehmungspositionen, zwei sorten empathie
Über zwei wahrnehmungspositionen, zwei sorten empathie und einen impuls, den ich manchmal zu schnell wegdrücke.
Assumed audience: Menschen, die sich selbst gut beobachten können — und genau deshalb manchmal an sich vorbei blicken – und für die, die empathie für wichtiger halten, als das eigene bedürfnis.
Ich kann auf knopfdruck abstand nehmen11 Manchmal klemmt der knopf ein wenig, irgendwann wird er jedoch gedrückt.. Eine person, die sich unangemessen verhält, ein mensch, der unlogisch argumentiert und offensichtlich etwas anderes erreichen möchte, als er sagt. Das funktioniert, weil ich daran glaube, dass menschen immer
a) logisch agieren22 Immer, eventuell erkennen wir die logik nicht, weil uns informationen fehlen. b) in ihrer besten option handeln.
Es gibt eine frage, die ich in solchen situationen stelle: worum geht es hier eigentlich? — und schon stehe ich auf 10.000 fuß über der situation und sehe sie klar.
Sollte diese frage nicht helfen, habe ich eine alternative: was kann (dieses verhalten) noch bedeuten? Die antwort hilft mir wieder runterzukommen, wenn ich mich über das unangemessene verhalten ärgere oder mich persönlich getroffen fühle.
Das funktioniert so zuverlässig, dass ich es anderen beibringe.
Das gegenteil kann ich dagegen nicht so zuverlässig: Mich mitten ins eigene fühlen stellen, bleiben, wenn mich etwas emotional trifft.
Die eine richtung ist asphaltiert, die andere ein trampelpfad. Die naheliegende frage dieses essays lautete ursprünglich: wie wechsle ich zwischen assoziation und dissoziation? Meine vorannahme war: Ich kann beides und es geht nur noch darum, das richtige werkzeug zur richtigen zeit in die hand zu nehmen.
Die ursprüngliche frage war bequem - und beinahe leicht zu beantworten, gegen die andere, schwierigere und mich selbst betreffende: Warum geht das eine auf kommando - und das andere nicht?
Erst mal definieren
Damit wir von derselben Sache reden:
Assoziiert heißt: mittendrin, im eigenen erleben, ich sehe durch meine eigenen augen, ich höre mit meinen ohren und fühle, was ich selbst fühle. Dissoziiert heißt: von außen, ich sehe mich selbst (also von außen) in der situation, so als schaute ich einem film mit mir als protagonistin zu.
Die landläufige geschichte dazu ist hübsch ordentlich: wenn du zu viel drin bist, dann bist du überwältigt , nimmst zu viel persönlich, statt die fakten emotionslos zu bewerten. Zu viel abstand zu dienen eigenen emotionen, bedeutet verkopft zu sein, abgeschnitten oder gar gefühlskalt.
Damit wir uns richtig verstehen: Beides hat seinen platz. Es kann gut und hilfreich sein, sich nicht von den eigenen gefühlen hinwegschwemmen zu lassen - einen klaren kopf zu bewahren. Es kann genauso hilfreich sein, nah dran zu sein, an sich und an anderen - und emotionen fühlen und benennen zu können.
Der naheliegende schritt also: herausfinden, wie ich die eine situation von der anderen unterscheide und dann die richtige brille zur richtigen zeit aufzusetzen.
Inzwischen bin ich einen schritt weiter: Ich glaube, diese frage beantwortet nur einen bruchteil dessen, was nötig ist. Es ist eine ebene zu flach.
Der schieberegler, der keiner ist
Nehmen wir an, jemand verhält sich unfair. Praktisch automatisch gehe ich in einen modus, der fragt: Was kann dieses verhalten noch bedeuten? (außer dem, was ich gerade hineinlese und schlecht finde). Das hilft mir oft. Es macht mich – im besten sinne – zum coach33 und ich bin wirklich gut darin, den eigentlichen grund hinter einem vermeintlich unlogischen verhalten zu erkennen - und zu lösen.
Allerdings ist das nicht die ganze geschichte: Ich bin in diesem moment naturgemäß hellwach eingestimmt auf den anderen. Ich lese ihn, ich baue hypothesen über sein innenleben, ich bin ihm ganz nah. Und gleichzeitig bin ich von meinem eigenen gefühl komplett abgeschnitten, denn es würde dabei nur stören wie wir gleich sehen werden.
Mit anderen worten: Ich bin assoziiert und dissoziiert. Zur selben sekunde. Assoziiert mit meinem gegenüber, dissoziiert von mir.
Das sprengt die saubere achse. „Drin gegen drüber” ist nämlich gar kein einzelner schieberegler. Es sind mindestens zwei: nähe-zu-mir und nähe-zum-anderen. Und die laufen nicht gekoppelt. Ich kann den einen auf anschlag drehen und den anderen auf null – und nenne das dann, hübsch verpackt, empathie.
Als coach eine überaus hilfreiche fähigkeit, in anderen situationen alles andere als hilfreich.
Zwei dinge, die beide „empathie” heißen
Das führt zu einer unterscheidung, die ich erst jetzt erkannt habe. Was ich da tue, ist nämlich nicht eine fähigkeit, sondern zwei – die nur denselben namen tragen.
Das eine ist lesen: ein kognitives hypothesen-bauen über das, was im anderen vorgeht. Was kann das noch bedeuten? Und – das ist der twist – das lesen funktioniert besonders gut, wenn mein eigenes gefühl gerade schweigt. Denn wie gesagt: das eigene gefühl würde die analyse nur stören.
Das andere ist resonieren: mitschwingen, mitfühlen, durch den eigenen körper hindurch. Und das geht nur mit selbstkontakt.
Ich dachte immer, das eine sei die voraussetzung fürs andere – ich müsse meine gefühle erst spüren und benennen können, um sie in anderen zu erkennen. Anders gewendet: erst ich, dann der andere. Aber mein eigenes verhalten widerlegt das. Ich lese andere brillant, während ich von mir abgeschnitten bin. Die voraussetzung kann es in dem moment jedenfalls nicht sein44 Trotzdem bleibe ich dabei: die grundlegende voraussetzung, damit empathie entstehen kann, ist, dass ich die emotionen, die in mir vorgehen, spüren und benennen kann und den grund für sie kenne. Erst dann kann ich sie im anderen wiedererkennen..
Wichtig ist: es sind zwei verschiedene fähigkeiten, die wir nicht in einen topf werfen und als „empathie” etikettieren dürfen.
Der impuls ist die grenze
Bleibt die frage, die mir eigentlich auf den nägeln brennt: Wann ist das gut – und wann zehrt es an mir?
Denn im coaching ist dieses lesen ein geschenk. Da habe ich keinen eigenen einsatz im spiel, kein eigenes bedürfnis liegt auf dem tisch. Reines geben. Das kann gar nichts kosten.
In anderen situationen kostet es sehr wohl. Und ich glaube, ich weiß jetzt, woran ich den unterschied erkennen kann (oder zumindest könnte).
Am anfang steht immer ein impuls. Ein blitzschnelles, körperliches „schlecht”. So ein idiot, denke ich – und das ist gefühl, nicht analyse. Ich fühle zuerst. Nur: Ich fliehe vor dem impuls im selben atemzug, noch bevor ich ihn benenne, bevor ich frage, wovon er eigentlich spricht. Und dann setzt das lesen ein. Zuerst, ganz ehrlich, um mich selbst besser zu fühlen.
Das lesen ist also nicht aus dem impuls gebaut. Es ist die flucht vor ihm. Und je besser ich lese, desto schneller die flucht – desto weniger lerne ich je, bei dem impuls zu bleiben.
Genau daraus ergibt sich eine saubere grenze: Das lesen zehrt genau dann, wenn ihm ein weggedrückter impuls vorausging. Denn der impuls ist keine störung, die ich loswerden muss, um klar zu denken. Der impuls ist die information: Ich selbst stehe hier mit drin. Kein impuls – kostenloses geben. Impuls da – ich bin im spiel, und das lesen wird verdächtig, weil es jetzt vielleicht meiner flucht dient statt seiner not.
Ein beispiel, das ich nicht hübsch finde
Ich hatte mich von meinem mann getrennt55 Ist schon jahre her - schon lange kein mitleid mehr nötig.. Weihnachten, freundesrunde, wir wären mit der gans dran gewesen. Er fragt, ob ich sie nicht backen kann – obwohl ich hinterher nicht mitesse. (Ob ich hätte bleiben dürfen, weiß ich nicht. Möglicherweise.)
Mein erster gedanke: So ein idiot. Der impuls. Dann – zack – das lesen: wie peinlich ihm das sein muss, dass er es selbst nicht kann. Und noch peinlicher, falls das ding nicht schmeckt. Also war ich da. Für die gans. Und ging, bevor unsere – meine früheren – freunde kamen.
Ich habe das damals nett genannt. Im rückblick nenne ich es bescheuert.
Und genau hier sitzt der eigentliche bug. „Nett” und „bescheuert” tun nämlich dasselbe wie „mir ist harmonie wichtig, weswegen ich deshalb keinen streit vom zaun brechen möchte”: Es sind etiketten, die ich hinterher draufklebe – und die den impuls überspringen. „Nett” adelt die flucht, „bescheuert” bestraft sie. Keins von beiden schaut den impuls wirklich an. Ich war nicht bescheuert. Ich war nur schon weg, bevor ich hingesehen hatte.
Die frage, mit der ich noch lebe
Ich habe also keine methode für dich. (Und ich misstraue ohnehin jedem, der für so etwas eine universallösung verkauft – menschen und situationen sind zu verschieden, ein einziger schieberegler wird einer zweiachsigen wirklichkeit nie gerecht.)
Was ich habe, ist eine frage. Und ich glaube, jetzt ist es die richtige:
Wenn der impuls die grenze ist – kann ich lernen, ihn eine sekunde länger zu halten, bevor das lesen einsetzt? Nicht, um nicht mehr zu lesen. Sondern um zu wissen, ob ich gerade schenke oder fliehe.
Mehr habe ich noch nicht. Und ich glaube, das ist ein anfang.
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