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das ergebnis eines systems ist sein zweck

das system tut nicht, was es tun soll — es tut, was es tut.

Über posiwid, die frage, in welchem system ich gerade stehe – und wie schutz und neugier gleichzeitig wahr sein können.

Assumed audience: Für alle, die den test-modus lieben, viele optionen offen halten möchten – und sich manchmal fragen, warum aus lauter neuen ideen so selten etwas fertig wird.

Stafford Beer ist für seinen blick auf systeme bekannt. Er bringt es nüchtern auf den punkt: the purpose of a system is what it does — kurz POSIWID. Mit anderen worten: Der zweck eines jeden systems ist nicht das, was es tun soll, sondern das, was es wirklich tut.

Wenn ein system wiederholt etwas anderes hervorbringt als das, was wir (eigentlich) wollen, müssen wir folglich das system anschauen, das dieses (falsche) ergebnis aufrechterhält. Wir müssen fragen: Was ist wirklich sein zweck?

Diese haltung verschiebt den blick von der absicht zum tatsächlichen output. Von rechtfertigung zu beobachtung.

Wenn ich also bei mir selbst ein muster sehe, etwas, das immer wiederkehrt, dann ist das Das System.

Warum mir das wichtig ist

Mir liegt ausprobieren und gucken, was passiert. So lerne ich am besten — kleine schritte, beobachten, anpassen. Das geht hand in hand mit meinem schnellentscheider-muster: lieber entscheide ich irgendetwas, um den druck loszuwerden, als im druck zu verharren. Druck ist ein gefühl, das ich überhaupt nicht mag.

Ich liebe es beispielsweise zu planen, neue ideen zu generieren, strategien zu entwickeln. Jeder gedanke fühlt sich neu und spannend an. Bei der umsetzung wird es dagegen zäh, und je länger es dauert bis “es” fertig ist desto mehr disziplin verlange ich von mir11 s. zum wording hier: _der-garten.

Von außen kann mein intensives denken und planen so aussehen, als wollte ich die nötige arbeit vermeiden und säße im denken fest. Jemand könnte an angst vor erfolg denken oder umgekehrt an angst vor misserfolg.

Beer konsequent zu ende gedacht, bedeutet folglich und in meinem fall: welches innere system führt immer wieder dazu, dass die umsetzung so zäh wird? Dieses system, hat genau diesen zweck (auch wenn ich öffentlich etwas anderes proklamiere) – vielleicht aus selbstschutz. Korrigiere: wahrscheinlich aus selbstschutz.

POSIWID praktisch angewendet

Mein internes system könnte der schutz vor dem scheitern sein oder davor, dass jemand anderes mein scheitern als solches sehen und erkennen kann. Das kann ich in jedem fall für das muster, das ich gerade untersuche, ausschließen: Ich habe keinerlei angst vor dem öffentlichen scheitern beim ausprobieren und beim testen. Dafür kann ich durchaus belege vorweisen, die zeigen, dass ich öffentlich auch meine meinung revidieren kann.

Könnte mein system mich davor schützen wollen, mich (womöglich zu früh) festzulegen? In anderen situationen passiert mir das durchaus. Mehr wa(h)le sind eben besser als weniger wa(h)le11 s. zum wording hier: _der-garten. Diese auslegung potenziert sich mit einem anderen muster, das ich oben schon erwähnt habe und das ebenfalls immer wiederkehrt: ich entscheide lieber schnell22 und gelegentlich durchaus zu schnell als langsam und überlegt.

POSIWID fragt: was tut das system? Aber was es tut, hängt von der lage ab, in der es operiert. Hier braucht es eine zweite karte.

Die zweite karte ist eine weggabelung: Das system, das ich sinnvollerweise untersuchen sollte, ist ein anderes: entscheiden – ausprobieren – evaluieren und dann tun, ist eine andere achse. Diese vorgehensweise ist vor allem hilfreich in komplexen systemen, in komplizierten systemen ist es meist sinnvoller, erst die nötigen informationen zusammenzutragen, dann zu entscheiden und dann zu tun. Gleiche werkzeuge andere reihenfolge.

Eine zweite lesart drängt sich zusätzlich auf — nicht statt der ersten, sondern daneben. Wenn ich nüchtern hinschaue, was das system tatsächlich produziert, ist es nicht nur schutz: es ist neugier. Hypothesen aufzustellen ist tätige freude, nicht vermeidung. Beides kann gleichzeitig stimmen — das system schützt mich vor fehlinvestition und vor dem verlust von optionen und es produziert aktiv neugier. Wie so oft ist auch dies mehrschichtig statt monokausal33 Je älter ich werde, desto mehr grau finde ich und desto weniger schwarz oder weiß.. Genau diese mehrschichtigkeit wird brisant, sobald die situation nicht mehr passt.

Stacey und cynefin

Ein schnellentscheid ohne ausreichendes verständnis kann teuer werden. Wenn ich im falschen modus bin, wähle ich womöglich das falsche werkzeug — ich behandle ein kompliziertes problem mit einem repertoire, das nur in komplexen systemen gut funktioniert. Oder umgekehrt44 form follows function: die form, die in einer richtung hilfreich ist, ist in einer anderen unnütz und störend.

Damit lautet die eigentliche frage also: Wann ist welcher schutz klug? Die stacey matrix zeigt uns die möglichen sichtweisen von klar bis chaotisch. Dazwischen kompliziert versus komplex. Während es in komplizierten situationen gut und wichtig ist, das wesentliche zu wissen und danach zu handeln, greift diese herangehensweise in komplexen situationen zu kurz.

Der schutz vor fehlinvestition ist in beiden klug und sinnvoll, aber er kollabiert in komplexen situationen, wenn er Beweise vorab verlangt — die komplexe Lage hat diese eben nur ex post. Genau deshalb ist sie komplex.

Deshalb ist in diesen die reihenfolge: testen, beobachten, anpassen — probe-sense-respond. Wer das gut machen will, braucht ein breites repertoire (vgl. toolkit-fuer-komplexe-situationen).

Weitergedacht bedeutet es, bevor ich irgendetwas entscheide, muss ich wissen, in welchem – äußeren – system ich gerade stehe. In komplizierten systemen lohnt sich zuerst die tasse tee, das nachdenken — und dann die entscheidung.

Wo POSIWID nun doch einzug erhält

Wer wie ich den test-modus liebt, das ausprobieren und experimentieren und das staunen über die ergebnisse, hält tendenziell alles für komplex. Wer zudem noch viele optionen – die wa(h)le – mag und sich schwer tut, eine mögliche richtung auszuschließen, wenn sie nicht grob falsch ist, wird in jeder option erst recht eine möglichkeit sehen.

Optional und lohnenswert verstärken sich gegenseitig: jede neue hypothese vergrößert die zahl der optionen und spart den aufwand etwas niederreißen zu müssen, was ohne den test vorab nicht als falsch erkannt werden konnte. Das ergebnis: Eine hypothese nach der anderen wird getestet und validiert – so müsste ich mich nie festlegen. Der zweck des systems ist neugier zu produzieren, und das tut es gut. Es ist nicht nur schutz vor etwas — es ist auch antrieb zu etwas. Beide schichten wirken gleichzeitig.

Hier zeigt sich der wahre zweck meines systems.

Was daraus folgt

Wenn POSIWID stimmt und der hauptzweck eines systems exakt das ist, was es tatsächlich hervorbringt, — dann ist die wichtigste vorab-frage: in welcher art system bewege ich mich gerade?

Daraus folgt für mich die nächste, noch offene frage: wie unterscheide ich komplexe von komplizierten systemen? Nur, weil ich wenig über etwas weiß, ist es noch nicht automatisch komplex — vielleicht ist es nur kompliziert, und ein bisschen wissen würde reichen, um ein anderes werkzeug in die hand nehmen zu können, das die tür für großartige ergebnisse aufmacht.

Meine erkenntnis: das innere system erkennt seinen eigenen kontext-wechsel nicht selbst. Es braucht eine stelle außerhalb — einen spiegel, eine stimme, eine beobachtungs-routine.

Wer mir hier zugeschaut hat, hat in seiner eigenen sprache vielleicht ein eigenes System gesehen. Mit eigenen worten dafür (nicht lohnenswert, nicht optional — etwas eigenes).

p.s. – Während ich diesen text geschrieben habe, hat sich meine eigene diagnose verschoben — von „schutz vor etwas” hin zu „antrieb zu etwas”. Das ist mir vorher nicht aufgefallen. Es fiel mir auf, weil das schreiben mich zwingt, langsamer zu denken, als ich gewohnt bin. Das schnelle denken sieht keine schichten; das langsame schon. So gesehen ist diese seite hier nicht nur eine beschreibung des befunds — sie ist auch der beleg dafür, wie ein system eine stelle außerhalb seiner selbst findet. Es braucht ja eine, sonst dreht es im kreis.

entwicklung: seedlingdeveloptidyevergreen

gepflanzt vor 2 wochen · zuletzt gepflegt vor 2 wochen